fem:press

Pro­jekt­lei­tung: Rike Schroer

Redak­ti­on: Rike Schro­er & Miri­am Duwe

Gestal­tung: Miri­am Duwe

Foto­gra­fie: Bon­nie Bartusch

Druck: Flo­ri­an Isen­see GmbH

Mög­lich gemacht im kreativ:LABOR

Als Kin­der haben wir nach den Ster­nen gegrif­fen. Was wir wer­den wol­len, wenn wir ein­mal groß sind? Alles! Unse­rer Phan­ta­sie und unse­ren Träu­men waren kei­ne Gren­zen gesetzt. Mit jedem Schritt des Älter­wer­dens sind unse­re Kin­der­träu­me in uner­reich­ba­re­re Fer­ne gerückt. Statt mit wehen­den Fah­nen ins Leben zu star­ten, ste­hen wir nach der Schu­le vor der Ent­schei­dung, die rich­ti­ge Aus­bil­dung oder den rich­ti­gen Beruf zu wäh­len. Zwi­schen rich­tig und falsch liegt ein Raum – ein Frei­raum, der nicht für alle gleich groß ist.

Das Bil­dungs­sys­tem ist Spie­gel­bild gesell­schaft­li­cher Macht­ver­hält­nis­se: Bil­dungs­er­fol­ge oder Miss­erfol­ge wer­den ent­lang struk­tu­rell her­ge­stell­ter Ungleich­hei­ten fort­ge­setzt. Chan­cen­gleich­heit? Pus­te­ku­chen. Wir ver­lie­ren den Bezug zu unse­ren Stär­ken und Inter­es­sen oder fin­den eigen­stän­dig kei­ne Lösun­gen und sind immer mehr abhän­gig von äuße­ren Impul­sen. Ob mit Ein­ser-Abitur oder weni­ger glanz­vol­len Abschlüs­sen befin­den wir uns frü­her oder spä­ter an einem Punkt der Orientierungslosigkeit.

Das Pro­jekt fem:press ist in vie­ler­lei Hin­sicht eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit. Im kreativ:LABOR habe ich einen Ort gefun­den, an dem ich mich aus­pro­bie­ren und aus Feh­lern ler­nen durf­te. Sus­an Mer­ti­neit ermu­tigt, ver­rück­te Ideen aus­zu­spre­chen und die­se selbst­wirk­sam umzu­set­zen. In der Regel trau­en sich die­se Ideen nicht aus dem Kopf, weil das Bauch­ge­fühl nicht stimmt, wir Angst vor Ableh­nung und Wider­stand haben oder wir rela­ti­vie­ren, dass der Gedan­ke nicht wich­tig sei. In Wahr­heit ist das Leben viel zu kurz, um es für Ande­re zu leben. Neu­es wagen, Neu­es fin­den: Wer sich traut, über den Tel­ler­rand hin­aus zu bli­cken, kann eini­ges entdecken.

Die­se Zei­tung soll ins­be­son­de­re jun­ge Frau­en* ermu­ti­gen, grö­ßer zu träu­men und per­sön­li­che Zie­le höher zu ste­cken. Viel zu oft hören wir „Das kannst du nicht“ oder „Dafür bist du nicht aus­ge­bil­det“. Die hier abge­druck­ten Geschich­ten zei­gen, dass sol­che Ein­wän­de oft Unsinn sind. Ich glau­be an eine Wirk­lich­keit, in der nicht unser Geschlecht, unse­re Her­kunft oder der Bil­dungs­ab­schluss dar­über ent­schei­det, wel­che Träu­me wir träu­men. Gemein­sam mit Bon­nie Bar­tusch, Miri­am Duwe und Reneé Lil­ge habe ich zehn Frau­en aus unter­schied­li­chen Pro­fes­sio­nen, Alters- und Lebens­pha­sen in Olden­burg por­trai­tie­ren dür­fen. Ich bin dank­bar um das gro­ße Ver­trau­en aller, die mei­ne Idee unter­stützt und sich im Gespräch für mich und die Leser*innen geöff­net haben. Mögen die­se Pio­nie­rin­nen auch euch inspi­rie­ren, wie­der nach den Ster­nen zu greifen!

Barbara Schmitz-Lenders

Puppenspielerin & Mutter

"Ich stehe immer vor der Herausforderung, alles, was ich vom Leben will, auch dort unterzubringen."

 

Dann such dir mal einen rei­chen Mann“, habe Bar­ba­ras Vater gera­ten, als sie mit­teil­te, Pup­pen­spie­le­rin wer­den zu wol­len. Seit 1983 gab es die ers­te staat­li­che Aus­bil­dung in West­eu­ro­pa: der Stu­di­en­gang „Figu­ren­thea­ter“ an der „Staat­li­chen Hoch­schu­le für Musik und dar­stel­len­de Kunst in Stutt­gart“. Dort gehörte sie zu den ers­ten Stu­die­ren­den. Bereits in der Schu­le sei ihr Inter­es­se gewach­sen, in Rich­tung Bühne und Gestal­tung gehen zu wol­len. Nach einem drei­zehn­mo­na­ti­gen Prak­ti­kum am Mario­net­ten­thea­ter in Düsseldorf war klar: „Das ist genau mein Ding!“

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Wir waren nur acht Stu­die­ren­de: drei Frau­en und fünf Män­ner. Wir Frau­en sind nach der Diplom­prü­fung zur Ver­wal­tung der Hoch­schu­le gegan­gen und haben eine Urkun­de bean­tragt, auf der „Figu­ren­spie­le­rin“ stand.“ Lei­der ohne Erfolg. „Das ging 1987 noch nicht“, bedau­ert Barbara.

Das Stu­di­um habe sie unmit­tel­bar auf die Selbst­stän­dig­keit vor­be­rei­tet: „Ich wur­de nicht nur in Pup­pen­spiel, son­dern auch in Schau­spiel, Spre­chen, Büh­nen­bau, Figu­ren­bau und Büh­nen­bild unter­rich­tet.“ Noch an der Hoch­schu­le lern­te sie Pavel ken­nen. „Es war schnell klar, dass wir nicht nur pri­vat, son­dern auch auf der Büh­ne ähn­lich tick­ten“, so Bar­ba­ra. Fünf Jah­re spä­ter zog das Paar nach Olden­burg. Erst hat­ten die bei­den vie­le Jah­re ein Tour­nee­thea­ter und viel in Frank­reich gespielt. Als das ers­te Kind in die Schu­le muss­te, eröff­ne­ten sie das Figu­ren­thea­ter in der Wil­helm­stra­ße. Schon drei­zehn Jah­re spä­ter platz­te die­ser Ort aus allen Nähten.

Mit der glei­chen Ziel­stre­big­keit mit der Bar­ba­ra ihre Lei­den­schaft für das Thea­ter ver­folg­te, habe sie schon immer vie­le Kin­der gewollt. Als das Paar die leer­ste­hen­de Turn­hal­le in der klei­nen Stra­ße ent­deck­te, war sie mit ihrem vier­ten Kind schwan­ger und muss­te sich ein­ge­ste­hen, einen Umbau zu die­sem Zeit­punkt nicht bewerk­stel­li­gen zu kön­nen. „Ich ste­he immer vor der Her­aus­for­de­rung, alles, was ich vom Leben will, auch dort unter­zu­brin­gen.“ Nach zwei Jah­ren stand das Gebäu­de noch immer leer und sie eröff­ne­ten 2008 nach umfang­rei­cher Restau­ra­ti­on das neue Thea­ter Labo­ra­to­ri­um. „Es wird eine unglaub­li­che Ener­gie frei­ge­setzt, wenn man das macht, was einem Spaß macht. Bevor die Kin­der kamen haben wir Näch­te durch­ge­ar­bei­tet und an man­chen Tagen drei Mal gespielt. Es ist schön zu sehen, dass sich unser Enga­ge­ment aus­ge­zahlt hat und wir dafür belohnt wur­den“, freut sich Barbara.

Mit zuneh­men­dem Erfolg sei­en immer mehr admi­nis­tra­ti­ve Auf­ga­ben für sie hin­zu­ge­kom­men. „Das Orga­ni­sie­ren macht mir auch Spaß, aber ich habe das Pro­blem, dass ich sehr vie­les ger­ne mache und dadurch eini­ge Din­ge nur strei­fe“, wirft Bar­ba­ra lachend ein. Bei alle­dem dür­fe nicht ver­ges­sen wer­den, dass Erzie­hungs­ar­beit glei­cher­ma­ßen ein Beruf ist. „Ich habe immer die Vor­stel­lung von Zim­mern in mir drin, die gera­de belegt sind oder nicht und muss abwä­gen, wie viel Raum ich noch geben kann.“

Bar­ba­ra hat nicht weni­ger Herz­blut in die Ver­wirk­li­chung ihres Traums vom eige­nen Thea­ter gesteckt als Pavel und doch regle­men­tie­ren tra­di­tio­nel­le Rol­len­bil­der ihre Sicht­bar­keit: „Da ich aus einem über­wie­gen­den Frau­en­haus­halt kom­me, hat es mich scho­ckiert, einem bestimm­ten Bild ent­spre­chen zu müs­sen, um wahr­ge­nom­men zu wer­den.“ Es gehe ihr nicht dar­um zu meckern, son­dern viel­mehr auf die Ungleich­hei­ten auf­merk­sam zu machen: „Grund­sätz­lich ist da noch viel Luft nach oben!“ Sie bekom­me aber auch Rück­mel­dun­gen, bei denen sie mer­ke, dass das Publi­kum ihre und Pavels unter­schied­li­che Qua­li­tä­ten wahrnimmt.

Ein Ende ihrer Kar­rie­re ist noch nicht in Sicht: „So lan­ge Publi­kum da ist und ich Ener­gie habe, mache ich wei­ter.“ Das Lam­pen­fie­ber sei nie ver­schwun­den. „Wäh­rend des Spie­lens mer­ke ich aber, war­um ich das mache: Ich mag die Emo­tio­nen im Saal spü­ren, den Aus­tausch mit dem Publi­kum, das Künst­le­ri­sche und Spie­le­ri­sche mit mei­nem eige­nen Kör­per und den Figu­ren, die Mischung aus Dar­stel­len und Gestal­ten wie auch die Selbst­stän­dig­keit und Selbst­be­stimmt­heit mei­nes Berufs.“

Beybun Seker

Sozialarbeiterin & Mutmacherin

"Rassismus tötet Selbstwertgefühl."

 

Zum Glück habe ich noch­mal die Kur­ve gekratzt“, sagt Bey­bun über ihre Ver­gan­gen­heit. Sie habe damals ganz viel Mut in sich getra­gen und sei in die Extre­me abge­rutscht. Heu­te weiß sie, dass eine radi­ka­le Über­zeu­gung nur sel­ten zum Erfolg führt: „Wenn jeder Mensch bei sich und sei­nem Ver­hal­ten anfängt, können wir viel bewegen.“

Bey­bun leis­tet ras­sis­mus­kri­ti­sche Bil­dungs­ar­beit: „Ich bezeich­ne mich selbst als Woman of Color und setz­te mich in Olden­burg vor allem für Kin­der ein, die das­sel­be erlebt haben wie ich.“ Mit den welt­wei­ten Pro­tes­ten infol­ge des Mor­des an dem Schwar­zen US- Ame­ri­ka­ner Geor­ge Floyd hat Bey­bun gemein­sam mit wei­te­ren tol­len Men­schen in Olden­burg das Bündnis UNITED AGAINST RACISM initi­iert. „Wir möchten, dass das Sys­tem als Pro­blem erkannt wird und nicht dis­kri­mi­nier­te Men­schen und Grup­pen selbst“, sagt sie.

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Seit­dem macht das Bündnis immer wie­der mit Akti­ons- und Gedenk­ta­gen auf dis­kri­mi­nie­ren­de Hand­lungs­prak­ti­ken auf­merk­sam. Als Akti­vis­tin möchte Bey­bun sich jedoch nicht bezeich­nen: „Mensch muss kein*e Aktivist*in sein, um etwas aktiv zu bekämpfen.“ Der Begriff schre­cke nicht nur ande­re son­dern auch einen selbst ab, überhaupt etwas zu tun: „Mensch hat immer die Extre­me im Sinn, dabei ist die Grund­hal­tung im Dis­kurs viel wich­ti­ger.“ Jede*r könne etwas bewir­ken: „Es kommt auf die Kontinuität an, Pro­ble­me im Klei­nen immer wie­der zu adres­sie- ren. Auch der All­tag und das Pri­va­te sind politisch.“

Bey­bun hat ange­fan­gen zu stu­die­ren: „Pädagogisches Han­deln in der Migra­ti­ons­ge­sell­schaft“ an der Universität Olden­burg. Lan­ge habe es ihr an Selbst­ver­trau­en gefehlt, die­sen Weg für sich ein­zu­schla­gen, unter ande­rem weil Lehrer*innen nicht an sie geglaubt haben. 2018 kam sie für ein Prak­ti­kum beim Jugend­mi­gra­ti­ons­dienst ins kreativ:LABOR. „Ich habe hier nicht nur Unterstützung son­dern auch die nötige Booster-Wertschätzung erfah­ren, um aus mei­ner ei- genen Kraft zu schöpfen.“ Ins­be­son­de­re im Bil­dungs­sys­tem hat Bey­bun immer wie­der erle­ben müssen, in Kate­go­rien gepresst zu werden.

Mei­ne Eltern sind aus Nord­kur­di­stan nach Deutsch­land migriert, sodass ich ein­fach nicht die­sel­ben Start­be­din­gun­gen wie ande­re Kin­der in der Schu­le hat­te.“ Bey­bun ist im Ken­ne­dy­vier­tel in Olden­burg auf­ge­wach­sen und betreut dort eine Mädchengruppe. Die Arbeit macht ihr Spaß. „Ich möchte die Kids empowern und stärken für alle, vor allem die struk­tu­rel­len, Hürden, die auf sie zukom­men wer­den.“ Sie möchte mit gutem Bei­spiel vor­an gehen und eine Inspi­ra­ti­on sein. „Ich hof­fe, dass sie eines Tages einen bes­se­ren Weg ein­schla­gen oder wie der Phoe­nix aus der Asche ihre Flügel aus­brei­ten und selbst etwas bewegen.“

Wie geht es wei­ter? „Ich bin pro­fes­sio­nel­ler gewor­den und habe gelernt, Ungleich­hei­ten im Sys­tem zu erken­nen, Pro­ble­ma­ti­ken zu ver­ste­hen und die­sen ent­ge­gen­zu­wir­ken .“ Auch wenn sie Struk­tu­ren nicht sofort und allei­ne ändern kann, möchte Bey­bun Men­schen, die benach­tei­ligt wer­den, hel­fen Selbst­ver­trau­en zu erlan­gen. Mit Abschluss des Stu­di­ums möchte sie als Sozi­al­ar­bei­te­rin in der JVA tätig wer­den. „Gefäng­nis­se sind blin­de Fle­cken in unse­rer Gesell­schaft. Da müssen tie­fe Fal­ten im Sys­tem geglättet wer­den“, fügt sie hin­zu. Darüber hin­aus wird sie als Aus­stiegs­hel­fe­rin im Bereich Rechts­ex­tre­mis­mus aus- gebil­det: „Ich möchte Nazis aus der Sze­ne her­aus hel­fen und als Mul­ti­pli­ka­to­rin Aufklärung leis­ten, um gewährleisten zu können, dass die Demo­kra­tie nicht gefährdet wird.“

Bey­bun glaubt dar­an, dass ima­gi­nier­te Dif­fe­ren­zen überwunden wer­den können. Das Film­pro­jekt „Wer ist Olden­burg?“ blieb ihr in beson­de­rer Erin­ne­rung, weil sie durch die zahl­rei­chen Inter­views erfah­ren habe, dass es trotz ver­meint­li­cher kul­tu­rel­ler Unter- schie­de immer auch Gemein­sam­kei­ten gibt: „Mama meckert – egal ob kur­disch oder deutsch gele­sen – wenn du dei­ne TUP­PER-Dose in der Schu­le ver­ges­sen hast.“

Dörthe Bührmann

Initiatorin & Impulsgeberin für gehört und gesehen werden

"Sich selbst zu sehen und zu äußern macht etwas mit Menschen."

 

Dörthe hat die Initia­ti­ve auf­ge­baut und ist (Mit)Gründerin des Radio- und TV-Sen­ders Olden­burg Eins (oeins), der im letz­ten Jahr (2021) sein 25. Jubiläum fei­er­te. „Anschub und Sen­der­auf­bau waren eine Mam­mut­auf­ga­be, weil wir uns gegen bestehen­de Struk­tu­ren durch­set­zen muss­ten.“ Bis heu­te gibt es in Olden­burg nur eine gro­ße Regio­nal­zei­tung: „Der gesell­schafts­po­li­ti­sche Hin­ter­grund unse­res Sen­ders ist es, ein unabhängiges Medi­um zu sein, an dem Men­schen unzen­siert teil­ha­ben und ins­be­son­de­re Rand­grup­pen hörbar wer­den.“ Dörthe hat mit ihren Mitstreiter*innen eine Platt­form geschaf­fen, die Men­schen, beson­ders auch Mädchen und Frau­en, ermu­tigt, Medi­en für ihre Anlie­gen zu nutzen.

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Damals hätte ich nicht gedacht, was die Medi­en­ent­wick­lung via Inter­net mal für einen Hype auslösen würde.“ In Anbe­tracht des­sen sei es umso wich­ti­ger, dass es ein öffentlich beglei­te­tes Medi­um gebe, bei dem alle – unterstützt und nach gel­ten­dem Recht – mit­ma­chen können. „Sich selbst zu sehen und zu äußern macht etwas mit Men­schen“, fügt sie hinzu.

Wie wich­tig unse­re Grund- und Men­schen­rech­te sind, macht Dörthe an ihrem Pro­jekt zum 70-jährigen Bestehen des Grund­ge­set­zes deut­lich: „Grund­wer­te gehen vom Indi­vi­du­um aus und bil­den immer die Grund­la­ge für Kom­mu­ni­ka­ti­on und Aus­tausch, ins­be­son­de­re für Men­schen, die Demo­kra­tie neu erfah­ren.“ Auch wenn es häufig mühselig sei und es einen lan­gen Atem brau­che, demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren zu leben, loh­ne es sich: „Unterdrückung schlägt immer an ande­rer Stel­le zurück .“

Begeg­nun­gen, Aus­tausch und Dia­log ste­hen im Mit­tel­punkt ihrer Arbeit. „Ich fin­de es erschre­ckend, dass wir in einer Zeit leben, wo Men­schen sich kon­fron­ta­tiv begeg­nen und pola­ri­sie­rend mit­ein­an­der umge­gan­gen wird. Wir dürfen unse­rem Gegenüber nicht mit Abwer­tung oder gar Ent­wer­tung begegnen.“

Dörthe hat viel erreicht:„Rückblickend habe ich in jedem Jahr­zehnt eine inno­va­ti­ve Initia­ti­ve ange­scho­ben.“ Ange­fan­gen hat sie damit Ende der 80er Jah­re mit der ers­ten Frau­en­wo­che an der Universität Olden­burg: „Wir gin­gen den Fra­gen nach, wer die Defi­ni­ti­ons­macht hat, war­um immer Männer im Zen­trum der Macht ste­hen und Frau­en – meta­pho­risch gese­hen – in die Pro­vinz gedrängt werden.“

Es fol­gen der oeins und die Mieter*inneninitiative zum Erhalt der Bres­lau­er Stra­ße. Mit der Flüchtlingsmigration ab 2015 hat Dörthe ver­sucht media­le Brücken zu bau­en und eine inter­kul­tu­rel­le Redak­ti­ons­grup­pe ins Leben geru­fen. Hier berich­ten Men­schen aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven über ihr Leben in unse­rer Stadt: „In dem inter­kul­tu­rel­len Mit­ein­an­der öffnen sich neue Wel­ten und Erkennt­nis­se. Das ist span­nend und bereichernd.“

Wie geht es wei­ter? Das ist noch offen: „Ich muss auch mal zurücktreten, um mehr Muße zu haben für eige­ne kreativ-künstlerische Pro­zes­se.“ Dörthe hat auf ihrem Weg immer wie­der Rückschläge ein­ste­cken müssen: „Wenn domi­nan­te Mus­ter ins Spiel kom­men, wur­de ich häufiger übergangen oder an den Rand gedrängt.“ Das Pro­blem grei­fe tie­fer: In öffentlichen Struk­tu­ren sei­en Frau­en grundsätzlich benach­tei­ligt. Dörthe bedau­ert: „Ich habe es zwar in die­se Struk­tur hin­ein­ge­schafft, aber es ist mir nicht immer geglückt, dar­in zu bestehen.“

Die lan­gen Stre­cken von der Idee bis zur Pro­jekt­rea­li­sie­rung haben viel Ener­gie gekos­tet. Den­noch ist Dörthe glücklich, dass sie durch ihr Enga­ge­ment Neu­es her­vor­ge­bracht hat, das nach­hal­tig wei­ter besteht. „Ich habe immer ver­sucht, ein gemein­sa­mes Mit­ein­an­der zu fördern. Da steckt eine gro­ße Por- tion Idea­lis­mus drin, doch auch eine Spur Naivität“, fügt sie lachend hinzu.

Katrin Windheuser

Veranstalterin, Musikpädagogin & Musikerin

"Ich wünsche mir, dass insbesondere Frauen und FLINTA* ein Selbstbewusstsein erlangen, ihre Arbeit geltend zu machen."

 

Wir gehen an den Hafen, um Kat­rin zu por­trai­tie­ren. „Ich war im Bahn­hofs­vier­tel zuhau­se und habe hier ange­fan­gen zu arbei­ten“, erzählt sie. Kat­rin ist Instru­ment­al­leh­re­rin für Saxo­phon und Kla­ri­net­te sowie Ver­an­stal­te­rin diver­ser Pro­jek­te im Kul­tur- und Musik­be­reich. Darüber hin­aus ist sie Mit­glied der Band KASKA. Der Übergang ist flie­ßend: „In mei­ner Funk­ti­on als Künstlerin auf der einen und als Ver­an­stal­te­rin auf der ande­ren Sei­te ermögliche ich Kin­dern und Jugend­li­chen, aber auch Erwach­se­nen, den Ein­stieg in Kunst und Kul­tur.“ Während des Musik- und Mathe­ma­tik­stu­di­ums in Olden­burg hat Kat­rin ange­fan­gen, klei­ne Ver­an­stal­tun­gen zu orga­ni­sie­ren. „Die Teil­nah­me an einer Kul­tur­ver­an­stal­tung kann nicht nur Frei­zeit und Ent­span­nung bedeu­ten, son­dern auch ver­an­las­sen, sich mit neu­en The­men oder einer ande­ren Per­spek­ti­ve aus­ein­an­der zu setz­ten.“ Im Zusam­men­schluss mit enga­gier­ten Kul­tur­schaf­fen­den gründet Kat­rin 2012 den Frei­feld e.V. und ver­an­stal­tet in den dar­auf fol­gen­den Jah­ren zwei erfolg­rei­che Fes­ti­vals, die in Olden­burgs Kul­tur­land­schaft neue Impul­se anstoßen.

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Seit 2017 wohnt Kat­rin in Bre­men und ist dort vor allem in den Pus­dorf Stu­di­os tätig: „Neben dem 13° Fes­ti­val orga­ni­sie­re und kura­tie­re ich dort wei­te­re Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen wie Kon­zer­te und Lesun­gen.“ Darüber hin­aus ist sie regelmäßig in ande­re Pro­jek­te wie die Bre­mi­na­le oder das Drau­ßen-Kino plus invol­viert. Als Kura­to­rin einer Ver­an­stal­tung oder eines Fes­ti­vals wählt Kat­rin immer auch das Pro­gramm aus: „Ich benut­ze den Begriff vor allem, weil ich fin­de, dass ande­re Begrif­fe häufig zu Irri­ta­tio­nen führen. Wenn ich sage, dass ich eine Kul­tur­ver­an­stal­tung mache, den­ken Leu­te häufig, dass ich alles mache, sowohl orga­ni­sie­ren als auch auf­tre­ten. Wenn ich sage, dass ich eine Kul­tur­ver­an­stal­tung orga­ni­sie­re, schwingt immer eine tech­ni­sche Kom­po­nen­te mit, wie das Betreu­en der Bühne im wei­tes­ten Sin­ne“, erklärt sie. Es gehe dabei nicht nur um die Pro­gramm­aus­wahl, son­dern auch um den Rah­men einer Ver­an­stal­tung: „Das 13o Fes­ti­val bei­spiels­wei­se steht für Diversität, indem wir einen Fokus dar­auf legen, dass Frau­en und FLINTA* in Ent­schei­dungs­po­si­tio­nen sind, sowohl hin­ter den Kulis­sen als auch auf der Bühne.“ Die­se Ent­schei­dung sei nicht nur ein for­ma­ler Aspekt, son­dern beein­flus­se die gesam­te Atmosphäre vor, während und nach dem Fes­ti­val. Vom 13o Fes­ti­val im ver­gan­ge­nen Jahr berich­tet sie: „Als Ver­an­stal­te­rin erschien das Wochen­en­de wie eine klei­ne Uto­pie und es war beson­ders schön zu sehen, dass sich alle auf Augenhöhe und sehr wertschätzend begeg­nen und pro­fes­sio­nell mit­ein­an­der arbeiten.“

Vor zwei Jah­ren erhielt Kat­rin eine Fest­an­stel­lung im Kul­tur­be­reich in Teil­zeit, nach­dem sie vie­le Jah­re aus­schließ­lich auf selbständiger Basis tätig war. „Auf der einen Sei­te arbei­te ich sehr ger­ne selbstständig. Ich bestim­me mei­ne eige­nen Pro­jek­te und kann den Fokus so set­zen, wie ich es möchte. Auf der ande­ren Sei­te bin ich für alles selbst ver­ant­wort­lich.“ Wie so vie­le Beschäftigte in der Ver­an­stal­tungs­bran­che hat Kat­rin die Aus­wir­kun­gen der Pan­de­mie zu spüren bekom­men: „Im letz­ten Jahr hat­te mei­ne Fest­an­stel­lung den gro­ßen Vor­teil, dass ich Kurz­ar­bei­ter­geld bekom­men konnte.“

Wie geht es wei­ter? „Rückblickend habe ich vie­le Wünsche für mich rea­li­siert und bin glücklich über das, was ich mache und wie ich arbei­te.“ Doch die Pro­jek­te und Ideen gehen nicht aus. Überraschend fügt sie hin­zu: „Ich habe zusam­men mit einem Freund, Nils Nol­te, einen Roman geschrie­ben und den­ke darüber hin­aus über ein Musik­lehr­buch nach.“ Kat­rin ermu­tigt, indi­vi­du­el­le Qua­li­fi­ka­tio­nen spartenübergreifend zu den­ken: „Ich wünsche mir, dass ins­be­son­de­re Frau­en und FLINTA* ein Selbst­be­wußt­sein erlan­gen, ihre Arbeit gel­tend zu machen und ent­spre­chend dafür ent­lohnt wer­den und dass sich dar­aus Netz­wer­ke bil­den, bestehend aus Veranstalter*innen, Musiker*innen, aber auch Fotograf*innen und Men­schen, die Öffentlichkeitsarbeit leisten.“

Lena Ahone Nzume

Akademikerin, Aktivistin & alleinerziehende Mutter

"Rassismus betrifft uns alle in unterschiedlicher Weise, die einen profitieren, die anderen werden benachteiligt."

 

Wir tref­fen Lena im Stadt­teil-Café des Treff­punk­tes Gemein­we­sen­ar­beit im Olden­bur­ger Ken­ne­dy­vier­tel. Der Ver­ein hat zum Ziel, Poten­tia­le von Anwoh­nen­den zu stärken und somit Hil­fe zur Selbst­hil­fe zu ermöglichen. „Der Ver­ein spie­gelt sowohl mein beruf­li­ches Inter­es­se als auch mein pri­va­tes Enga­ge­ment wider“, erzählt Lena. Sie habe bereits vie­le Aktio­nen, Work­shops und Pro­jek­te im sowie durch den Ver­ein rea­li­sie­ren können. Lena ist wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin an der Uni Olden­burg mit dem For­schungs­schwer­punkt „Ras­sis­mus­kri­ti­sche Schul­ent­wick­lung“. Sie fügt hin­zu: „Der Abbau von Benach­tei­li­gung und sozia­ler Ungleich­heit sowie die Ver­bes­se­rung von Bil­dungs- und Teil­ha­be­chan­cen sind wich­ti­ge The­men, für die ich mich mit aller Kraft ein­set­ze – sowohl auf prak­ti­scher als auch auf theo­re­ti­scher Ebe­ne.“ Vor­her war Lena sechs Jah­re lang bei der Stadt Olden­burg im Bereich Inte­gra­ti­on als Bil­dungs­ko­or­di­na­to­rin und zwi­schen­zeit­lich als kom­mis­sa­ri­sche Inte­gra­ti­ons­be­auf­trag­te tätig: „Es war mir wich­tig, den Fokus nicht nur dar­auf zu legen, Migra­ti­ons­an­de­re zu inte­grie­ren, son­dern die Struk­tu­ren unse­rer Gesell­schaft zu reflektieren.“

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Ein Augen­merk läge daher dar­auf zu ver­ste­hen, wie Aus­gren­zung funk­tio­niert und an wel­cher Stel­le Bar­rie­ren auf­tre­ten. „Ras­sis­mus betrifft alle in unter­schied­li­cher Wei­se, die einen pro­fi­tie­ren, die ande­ren wer­den benach­tei­ligt“, sagt Lena. „Alle haben ras­sis­ti­sches Wis­sen gelernt und auch inter­na­li­siert.“ Auf prak­ti­scher Ebe­ne müsse dafür ein Bewusst­sein bei der wei­ßen Mehr­heits­ge­sell­schaft geschaf­fen werden.

Auf ihrem Weg von der Inte­gra­ti­ons­ar­beit zur Pro­mo­ti­on ist Lena immer auch poli­tisch aktiv gewe­sen. Im ver­gan­ge­nen Jahr hat sie für die Grünen bei der Kom­mu­nal­wahl kan­di­diert. „Ich habe ange­fan­gen zu überlegen, wie Sys­te­me von innen her­aus oder von außen trans­for­miert wer­den können. Bei der Stadt war ich im Sys­tem, während ich hier im Ver­ein von außen wie auch als Verbündete agie­ren kann.“

Lena ist opti­mis­tisch: „In den letz­ten Jah­ren hat sich viel getan. Aber zugleich gibt es eine para­do­xe Gleich­zei­tig­keit – es gibt mehr kri­tisch-refle­xi­ves Bewusst­sein und zugleich ein Wie­der­erstar­ken von völkischen und natio­na­lis­ti­schen Ideo­lo­gien. Es ist schwie­rig, aber möglich, im Sys­tem Trans­for­ma­ti­on anzu­sto­ßen.“ Man brau­che jedoch viel Aus­dau­er, um häufig nur sehr klei­ne Veränderungen zu bewir­ken. „Manch­mal habe ich das Gefühl, mich in einem Hams­ter­rad zu dre­hen, weil vor allem das Bil­dungs­sys­tem sehr veränderungsresistent ist.“ Lena spricht hier aus Erfah­rung: „Auch aus mei­ner Bio­gra­fie her­aus weiß ich, wel­che Pro­ble­me adres­siert wer­den müssen und wie wich­tig Bil­dung ist.“ Mit acht Jah­ren ist Lena von Kame­run nach Deutsch­land gezo­gen. Ihre Mut­ter ist Deut­sche und ihr Vater Kame­ru­ner. „Ich bezeich­ne mich als Schwar­ze Deut­sche.“ Lena erklärt: „An die­ser Stel­le geht es um eine poli­ti­sche Selbst­be­zeich­nung. Obwohl ich durch mei­ne Mut­ter auch eine wei­ße Teil-Identität habe, würde ich nie die­sel­ben Pri­vi­le­gi­en erhalten.“

Lena möchte eine Gesell­schaft ansto­ßen, in der sich alle glei­cher­ma­ßen zugehörig fühlen. Es sei trau­rig und frus­trie­rend zu beob­ach­ten, dass vie­les von dem, was sie als Kind erlebt habe, noch heu­te präsent sei. „Wir haben so viel Wis­sen und han­deln so wenig. Noch immer braucht es die Betrof­fen­heit von ras­sis­tisch dis­kre­di­tier­ten Men­schen und Grup­pen, um Ungleich­heit sicht­bar zu machen“, beklagt sie. „Ich muss immer ent­schei­den, wie viel ich persönlich preis­ge­be und wie ver­letz­lich ich mich dadurch zei­ge.“ Umso schöner sei­en Momen­te der Kom­mu­ni­ka­ti­on und des Aus­tauschs, wel­che sie hier im Ver­ein häufig erle­be. Hoff­nungs­voll fügt sie hin­zu: „Es macht mich glücklich zu sehen, dass in dem Alter mei­nes Soh­nes (15) Diversität und Viel­falt als Normalität gelebt und wahr­ge­nom­men werden.“

Lucia Loimayr-Wieland

Künstlerin

"Grundsätzlich sollten wir uns mehr trauen im Prozess des Abschiednehmens."

 

Wir tref­fen Lucia in ihrer Werk­statt. An der Wand steht ein bunt bemal­ter Sarg. „Das ist mei­ner“, sagt sie. „Rot ist eine wich­ti­ge Far­be in mei­nem Leben und die ande­ren Farb­spu­ren ste­hen für Per­so­nen in mei­nem Leben.“ Auch ihr Toten­hemd ist wohl überlegt: „Es ist schwarz und hat unter­schied­li­che Bänder angenäht, mit denen man mich ein­wi­ckeln kann.“ Ob sie wirk­lich dar­in bestat­tet wer­de, weiß sie noch nicht. „Geschmack ändert sich“, fügt sie lachend hin­zu. Lucia ist Sarg­ma­le­rin, doch sie hadert mit der Bezeich­nung und erklärt: „Das ist nur eine klei­ne Facet­te von dem, was mich aus­macht. Ich bin eine Frau, die sich grund­le­gend mit Abschieds­kul­tur beschäftigt.“

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Seit zwan­zig Jah­ren lebt die gebürtige Österreicherin in Nord­deutsch­land. „Ich bin in Linz gebo­ren und habe länger in Salz­burg gelebt.“ Damals habe sie den Impuls verspürt, Bestat­te­rin zu wer­den. Statt­des­sen ist sie bei der Stif­tung Hos­piz­dienst in Olden­burg tätig gewor­den und hat dort den ambu­lan­ten Kin­der- und Jugend­hos­piz­dienst aus der Wie­ge geho­ben. „Mei­ne Auf­ga­be ist es, Fami­li­en zu beglei­ten, deren Kin­der früh ster­ben wer­den. Im Leben, im Ster­ben und in der Trau­er“, erklärt sie. Durch ihren Beruf und die Lei­den­schaft, Bil­der zu malen, habe sich das The­ma immer wei­ter verwoben.

Im Rah­men der Aus­stel­lung „Mein letz­tes Hemd“ überführte Lucia ihre Gedan­ken in die Pra­xis. Wie soll mein letz­tes Hemd aus­se­hen? „In Österreich bezeich­nen wir den Sarg als Holz­py­ja­ma. Hier liegt das letz­te Hemd bereits im Wort. Für mich war dies der Impuls, mei­nen eige­nen Pyja­ma zu gestal­ten – einen Sarg, der mir das Gefühl ver­mit­telt, dort gut auf­ge­ho­ben zu sein, wenn es so weit ist.“ Das Ergeb­nis sorg­te für Auf­se­hen. „Darf man das?“, hätten vie­le Besucher*innen mit Blick auf den bun­ten Sarg gefragt. „War­um denn nicht?“, habe Lucia erwidert.

Mit zuneh­men­der Individualität sei­en in unse­rer Gesell­schaft vie­le Bestat­tungs­ri­tua­le ver­lo­ren gegan­gen: „Vie­le Men­schen zögern und wis­sen nicht, wie sie mit Trau­er umge­hen sol­len, aber auch, wie sie selbst bestat­tet wer­den möchten.“ Lucia begeg­net Angehörigen mit Inter­es­se und stellt Fra­gen, um he- raus­zu­fin­den, was im Pro­zess des Abschied­neh­mens heil­sam sein könnte. „Wir haben alle einen ganz unter­schied­li­chen Umgang mit dem Tod. Das ist auch okay. Grundsätzlich soll­ten wir uns aber mehr trau­en“, for­dert sie.

Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Sarg­ge­stal­tung kann Fami­li­en im Gespräch und in der Emo­ti­on darüber zusammenführen. „Für mich sind es wah­re Glücksmomente, die­sen Pro­zess ansto­ßen zu dürfen, indem ich einen Raum dafür schaf­fe“, sagt sie. In der Regel lässt Lucia den Sar­gin­nen­de­ckel frei, um durch Fotos, Brie­fe und ande­re indi­vi­du­el­le Erinnerungsstücke die Möglichkeit zu geben, auf ganz persönliche Art und Wei­se Abschied zu nehmen.

Erst kürzlich ist Luci­as Mann ver­stor­ben: „Mei­ne persönliche Erfah­rung trägt mich, auch ande­re Fami­li­en in ihrer Trau­er zu unterstützen.“ Bei­de hätten immer offen über den Tod reden können und als sein Ende abseh­bar gewe­sen sei, habe sie ihm einen Sarg zum Geburts­tag gestal­tet: „Für man­che Gäste war es ein biss­chen schräg zu sehen, dass zuhau­se unse­re Särge bereit­ste­hen“, sagt sie. „Für mich aber war das ein unglaub­lich inten­si­ver Prozess.“

Luci­as Sarg­kunst ist bis heu­te kei­ne kom­mer­zi­el­le Geschäftsidee. Sie malt hauptsächlich für Freund*innen und Men­schen, denen sie im Rah­men der Stif- tung Hos­piz­dienst begegnet.

Marianne Garbe

Künstlerin

"Unabhängig vom Intellekt ist jeder Mensch in der Lage, Kunst zu verstehen, denn es gibt kein richtig oder falsch, nur den individuellen Ausdruck."

 

Die Welt war ein offe­nes Buch für mich“, sagt Mari­an­ne über ihr Kind­heit im Ber­lin der Nach­kriegs­zeit. „Mei­ne Kind­heit hat viel mit mei­nem Lebens­lauf zutun, weil ich in den Trümmerlandschaften alle Frei­hei­ten hat­te zu spie­len, zu ent­de­cken, zu erkun­den, zu begrei­fen.“ Mari­an­nes Leben änderte sich, als ihr Vater aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft zurückkehrte: „Ich habe nach dem Abi an der Pädagogischen Hoch­schu­le in Ham­burg ange­fan­gen zu stu­die­ren, weil mein Vater woll­te, dass ich Haus­wirt­schafts­leh­re­rin wer­de.“ Die Rückkehr des Vaters habe ihr Leben auf den Kopf gestellt. „Er bean­spruch­te etwas, was vor- her mei­ne Mut­ter für uns leb­te“, erzählt sie. Ihr gan­zes Leben lang sah Mari­an­ne sich immer wie­der mit Erwar­tun­gen von ande­ren wie auch ver­fes­tig­ten Rol- len­bil­dern kon­fron­tiert. „Es wur­de immer etwas erwar­tet, von dem ich nicht glaub­te, dass es rich­tig sei. Ich woll­te dem auch ent­ge­gen­ste­hen“, fügt sie hinzu.

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In Ham­burg habe Mari­an­ne sich für Kunst und Ger­ma­nis­tik ein­ge­schrie­ben und nach dem Abschluss eine Aus­bil­dung zur Gold­schmie­din in Worps­we­de gemacht. Trotz einer Fort­bil­dung in Hanau habe sie sich nicht als Gold­schmie­din beti­teln dürfen: „Ich war nur Gesel­lin und habe mich statt­des­sen Schmuck­ge­stal­te­rin genannt“, sagt sie lachend. Fast zehn Jah­re lang war Mari­an­ne als sol­che tätig und auf den Frank­fur­ter Herbst- und Frühjahrsmessen ver­tre­ten. Es sei eine schöne Zeit gewe­sen: „ Ich habe gut ver­kauft, aber es war auch sehr anstren­gend.“ Sie leg­te ihren Beruf ab und fing an, in Kas­sel Kunst und Phi­lo­so­phie zu stu­die­ren. Par­al­lel nimmt sie an Aus­stel­lun­gen für Frau­en­kunst in Ber­lin und Frank­furt teil. „Die ers­ten sei­ner Zeit“, erzählt sie mit Nachdruck.

Mari­an­ne geht nach Spie­ker­oog, um dort an einem Inter­nats­gym­na­si­um zu leh­ren. Zuvor habe sie an dem Gym­na­si­um in Göttingen unter­rich­tet, an dem sie selbst Abitur gemacht hat. 2006 wur­de sie von einer Freun­din an das Blau­schim­mel Ate­lier in Olden­burg geholt. „Zuerst war ich ehren­amt­lich im ge- schäftsführenden Vor­stand tätig, bis ich mich immer mehr dem Kunst­be­reich zuge­wen­det habe.“ Bis heu­te spie­le Mari­an­ne lei­den­schaft­lich ger­ne mit un- ter­schied­li­chen Aus­drucks­wei­sen – auch in der Kunst – und habe jüngst auch gro­ßen Gefal­len an der expe­ri­men­tel­len Musik der Blau­schim­mel Band gefun­den. „Spie­len ist ein glücklicher Zustand und jeg­li­che Kunst hat immer auch mit Spie­len zu tun“, so ihre Philosophie.

Das Blau­schim­mel Ate­lier habe bei ihr einen Nerv getrof­fen, auch weil dort Men­schen mit und ohne Beeinträchtigung glei­cher­ma­ßen Kunst machen. Sie schwärmt: „Es ist umwer­fend, was dar­aus ent­steht. Ich freue mich gren­zen­los über die­ses Geschenk.“ Das Poten­ti­al würde nur von weni­gen Men­schen ge- sehen wer­den, weil Vor­ur­tei­le bestünden. „Wenn etwas wirk­lich authen­tisch ist, ist es in kei­ner Wei­se falsch zu ver­ste­hen. In der Kunst gibt es kei­ne Gren­zen, nur der Mensch hat welche.“

Mari­an­ne ist noch nicht am Ende ihres Weges ange­kom­men. „So lan­ge ich noch etwas tun und schaf­fen kann bin ich mit gro­ßer Freu­de im Blau­schim­mel Ate­lier.“ Moti­va­ti­on wie auch Aner­ken­nung erhal­te sie von Men­schen, mit denen sie im Work­shop oder Pro­jekt­rah­men inter­agie­re: „Wenn ich sehe, dass jemand etwas pro­du­ziert, der oder die vor­her sag­te, er oder sie könne das nicht, und selbst sieht, dass es gut ist, dann bin ich glücklich.“ Im Kampf um die Sicht­bar­keit von Frau­en­kunst bedarf es jedoch eines längeren Atems: „Da ist eine gro­ße Igno­ranz auf dem Markt und eine nor­ma­ti­ve Grund­hal­tung, eine gewis­se Hand­schrift zu erfüllen. So gese­hen ist immer das­sel­be gefor­dert, mal in Gelb und mal in Grün.“

Marion Fitje

Kinobetreiberin & Aktivistin

"Ich möchte Frauen und queeren Personen weltweit eine Plattform geben, ihren Film, in ihrer Sprache zu zeigen."

 

Mari­on ist Initia­to­rin des Kinos Cine k in der Kulturetage und ist darüber hin­aus poli­tisch wie auch in Sachen Femi­nis­mus aktiv. Wie passt das zusam­men? „Kino ist für mich mehr als nur gucken. Ein Film trägt vie­le Emo­tio­nen und hat ver­schie­de­ne Ebe­nen, die eine Aus­ein­an­der­set­zung ansto­ßen, mit uns selbst oder im Kol­lek­tiv“, erklärt Mari­on. Das Cine k zeigt Fil­me jen­seits des Main­streams, die über bekann­te Erzählmuster kom­mer­zi­el­ler Pro­duk­tio­nen hin­aus­ge­hen, häufig im Ori­gi­nal mit Unter­ti­teln: „Ich möchte offen sein für die gan­ze Welt. Jedem Land, das in der Lage ist, einen Film zu pro- duzie­ren, möchte ich eine Platt­form geben, ihren Film in ihrer Spra­che zu zeigen.“

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Mari­on ist aus­ge­bil­de­te Erzie­he­rin und mit Abschluss der Aus­bil­dung nach Olden­burg gezo­gen. „Während es mei­ne jüngste Schwes­ter nach Ber­lin zog, war das für mich ein gro­ßer Schritt“, sagt sie lachend. In Olden­burg hat Mari­on ange­fan­gen, sich mit Frau­en­the­men aus­ein­an­der­zu­setz­ten: „Ich habe ehren­amt­lich im Frau­en­haus gear­bei­tet und bin später mit­tels einer ABM-Stel­le dort ein­ge­stie­gen, bis ich schließ­lich fest ange­stellt wur­de.“ Par­al­lel habe sie ihr Abitur nach­ge­macht und ein Stu­di­um ange­fan­gen: „Ich habe diver­se Sta­tio­nen durch­lau­fen und mich in vie­len Berei­chen aus­pro­biert. Das Stu­di­um habe ich abge­bro­chen, weil ich schnell gemerkt habe, dass ich kei­ne Theo­re­ti­ke­rin bin.“

In vie­len Ein­rich­tun­gen war sie immer wie­der mit hier­ar­chi­schen Struk­tu­ren und Zwängen kon­fron­tiert, die ihrem Verständnis von selbst­be­stimm­ter Arbeit nicht ent­spra­chen. „Ich habe mich dort nicht lang­fris­tig gese­hen und woll­te mich dort auch nicht ver­or­ten“, sagt sie zum Bei­spiel über ihre Tätigkeit in der Kin­der- und Jugendpsychiatrie.

Auf­grund ihres poli­ti­schen Inter­es­ses ist Mari­on seit der Gründung 1993 im Medienbüro Olden­burg e.V. aktiv. Der Ver­ein ist vor allem in Sachen Film­ver­mitt­lung aktiv, um Kin­der und Jugend­li­che medienpädagogisch zu beglei­ten. „Ich arbei­te ger­ne mit Kin­dern zusam­men, da sie unbe­fan­gen und frei mit dem Medi­um Film umge­hen“, sagt sie über ihr Enga­ge­ment. Im Rah­men des Ver­eins habe sie zehn Jah­re lang die Olden­bur­ger Film­ta­ge aus­ge­rich­tet. Mit dem Aus­lau­fen der Finan­zie­rung für die Ver­an­stal­tungs­rei­he sei ihr Wunsch gewach­sen, ein eige­nes Kino zu betreiben.

Gemein­sam mit Mitstreiter*innen mach­te sie sich dar­an, ein Kon­zept für das leer­ste­hen­de Licht­spiel­haus im Zie­gel­hof zu erar­bei­ten. Mari­on bedau­ert: „Lei­der hat die Stadt uns kei­ne Anschub­fi­nan­zie- rung gewährt und auch der Eigentümer hat eine für uns uto­pi­sche Mie­te ver­langt.“ Während sich die Grup­pe immer wei­ter auflöste, ent­schied Mari­on wei­ter zu machen: „Ich hat­te das gro­ße Glück, dass mei­ne Kin­der schon selbstständig waren und ich ein finan­zi­el­les Risi­ko ein­ge­hen konn­te.“ Kurz dar­auf habe die Kulturetage die Tech­nik des alten Licht­spiel­hau­ses gekauft, wor­auf­hin Mari­on zusam­men mit Wolf­gang Bruch anfing, wö- chent­lich Fil­me zu zei­gen. Schnell habe sich dar­aus ein regelmäßiger Film­be­trieb ent­wi­ckelt. 2013 gründeten sie die Cine k GbR, um neben der Ver­eins­ar­beit vom Kino­be­trieb leben zu können.

Seit Beginn der Pan­de­mie sei ihre Zukunft unge­wiss: „Kinos sind inso­fern dop­pelt betrof­fen, als dass neben den Kontaktbeschränkungen noch hin­zu kommt, dass Strea­ming-Diens­te einen enor­men Auf­schwung erfah­ren haben.“ Anstatt den Kopf in den Sand zu ste­cken müsse Kino immer wie­der neu gedacht wer­den, fin­det Mari­on: „Wir müssen uns fra­gen, wel­che Art von Kino überlebensfähig ist.“ Trotz vie­ler Rückschläge habe sie noch immer Moti­va­ti­on und Ener­gie, dies zu dis­ku­tie­ren. „Ich möchte, dass mei­ne Arbeit Bestand hat, auch für Men­schen, die fol­gen oder gera­de erst einsteigen.“

Natascha Czichon

Stagemanagerin & Performerin

"Es ist schwieriger geworden, Sachen mit anstrengendem Inhalt zu verkaufen."

 

Nata­scha zau­bert. Nicht das Kanin­chen aus dem Hut, son­dern jeden Abend ein Erleb­nis für das Publi­kum in der Kulturetage. „Ich kom­me als ers­te und gehe als letz­te“, sagt sie über ihre Tätigkeit. „Ich neh­me die Künstler*innen in Emp­fang und sor­ge dafür, dass alles so ist, wie sie es brau­chen.“ Je rei­bungs­lo­ser das lau­fe, des­to schöner sei der Abend für alle Betei­lig­ten. Geplant habe sie ihren Lebens­weg nicht. Nata­scha liebt die Bühne und ins­be­son­de­re das alter­na­ti­ve Tanz­thea­ter. „Weil ich mir den Ein­tritt nicht leis­ten konn­te, habe ich, während mei­nes Stu­di­ums in Sport und Ger­ma­nis­tik, ehren­amt­lich die Abend­spiel­lei­tung in der Kulturetage übernommen, um mir die Shows angu­cken zu können“, erzählt sie. Bis heu­te ist sie mit dem Kul­tur­zen­trum im Olden­bur­ger Bahn­hofs­vier­tel tief verbunden.

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Seit der Gründung habe sich vie­les verändert: „Nicht nur das Haus, son­dern auch das Regle­ment war damals klei­ner.“ Um das Kul­tur­zen­trum lang­fris­tig finan­zie­ren zu können, sei­en die Shows immer kom­mer­zi­el­ler gewor­den und mit der Zeit habe sich auch das Publi­kum verändert: „Durch das Inter­net und mit der Schnell­le­big­keit digi­ta­ler Medi­en sind die Men­schen nicht mehr so auf­merk­sam und gedul­dig wie früher.“ Es sei schwie­ri­ger gewor­den, anstren­gen­de Inhal­te zu ver­kau­fen. „Das Publi­kum will enter­taint wer­den, sich zurücklehnen und ein­fach einen schönen Abend haben.“

Während die einen sich freu­en, arbei­ten die ande­ren: „Das Strick­mus­ter von kom­mer­zi­el­len Pro­duk­tio­nen ist eigent­lich immer das­sel­be“, beklagt Nata­scha. Beson­ders auf­re­gend, aber auch anstren­gend, sei­en alter­na­ti­ve Pro­duk­tio­nen wie „Is‘ doch nor­mal ey!“ oder das„MundArtFestival“. „Das sind für mich rich­ti­ge Her­aus­for­de­run­gen, auf die ich Bock habe, weil sie abseits des Kom­mer­zes liegen.“

Auf dem Weg zur Fest­an­stel­lung in der Kulturetage hat Nata­scha vie­le Kur­ven ein­ge­schla­gen. „Einer­seits hat mich die­se Sicher­heit total ent­las­tet, aber ande­rer­seits engen mich fes­te Struk­tu­ren ein und ich bre­che ger­ne aus.“

Während einer Turn­ver­an­stal­tung im Stu­di­um wur­de Nata­scha vom Zir­kus RÄMMI DÄMMI gecas­tet. „Ich war nicht beson­ders gut, hat­te aber jede Men­ge Spaß dabei“, erzählt sie lachend. Drei Jah­re lang ent­wi­ckel­te sie als Sportpädagogin bei dem Olden­bur­ger Mit­mach­zir­kus mit Kin­dern und Jugend­li­chen ein eige­nes Bühnenprogramm. „Wenn mich während die­ser Zeit jemand gefragt hätte, ob ich davon mal leben könne, hätte ich das nicht für möglich gehal­ten.“ Kurz dar­auf erhält Nata­scha die Möglichkeit, auf der AIDA zu arbei­ten. „Ich habe es genos­sen dort tätig zu sein und habe das Gefühl, in die­se Welt zu gehören“, schwärmt sie.

Als Nata­scha in die Kulturetage zurückkehrt, taucht sie immer wei­ter hin­ter die Kulis­sen des Showgeschäfts ein. „Ich ver­su­che im gesam­ten Team das kom­mu­ni­ka­ti­ve Ele­ment zu sein, damit sich alle wahr­ge­nom­men fühlen und einen guten Job machen.“ Mit viel Herz­blut und Enga­ge­ment ist es Nata­scha gelun­gen, in der Kulturetage ein fun­da­men­ta­les Netz­werk und einen nach­hal­ti­gen Wohlfühlraum für Künstler*innen, Besucher*innen und Per­so­nal glei­cher­ma­ßen zu schaffen.

Ich habe lan­ge für die­se Sache gebrannt und bin jetzt am Ende“, sagt sie. Mit zuneh­men­der Kom­mer­zia­li­sie­rung gin­ge die Aus­ein­an­der­set­zung mit und ein Dia­log in der Kunst ver­lo­ren. Sie appel­liert: „Ich bin überzeugt, dass die Kul­tur­land­schaft anders aus­se­hen könnte, wenn von staat­li­cher Sei­te ande­re Mit­tel zur Verfügung stünden, sowohl für die alter­na­ti­ve Sze­ne als auch für Künstler*innen.“

Susan Mertineit

Möglichmacherin

"Ich bin überzeugt, dass gerade in unserer heutigen Ich-Gesellschaft Menschen und Gruppen unterstützt werden sollen, die sich für ein Wir einsetzen."

 

Sus­an ist Möglichmacherin im kreativ:LABOR und fin­det es span­nend Ideen, Wünsche und Visio­nen möglich zu machen. Sie unterstützt auch ger­ne das, was ande­re Men­schen machen wol­len. „Ich habe vor zwölf Jah­ren begon­nen Möglichkeitsräume auf­zu­bau­en, um mit Räumen und Infra­struk­tur, durch Netz­wer­ke, Men­schen­ver­stand und Erfah­rung sowie durch Fördermittel-Support Krea­ti­ve und gesell­schaft­lich Enga­gier­te zu unterstützen“, erklärt sie. War­um? „Ich bin überzeugt, dass gera­de in unse­rer heu­ti­gen Ich-Gesell­schaft Men­schen und Grup­pen unterstützt wer­den sol­len, die sich für ein WIR ein­set­zen, für Solidarität, die Kri­tik äußern oder Bedar­fe for­mu­lie­ren. Mit ihrem Enga­ge­ment kann unse­re Welt ein biss­chen bes­ser werden.“

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Sus­an ist 1996 von Ber­lin nach Olden­burg gekom­men und hat ange­fan­gen in der Kulturetage zu arbei­ten. „Irgend­wann hat­te ich das Gefühl, dass die Kom­mer­zia­li­sie­rung des öffentlichen Raums und die Gen­tri­fi­zie­rung hier im Bahn­hofs­vier­tel immer wei­ter vor­an­schrei­ten und ich woll­te dem etwas ent­ge­gen­set­zen. Dank der Chan­ce, ein EU-Pro­jekt zu initi­ie­ren, konn­te ich 2009 die ers­ten Möglichkeitsräume, das QuAR­Tier, eröffnen und eine Film­do­ku­men­ta­ti­on „Mensch macht Stadt“ über das leben­di­ge und diver­se, aber miss­ach­te­te Bahn­hofs­vier­tel realisieren“.

Als das von Vie­len genutz­te QuAR­Tier im Zuge der Sanie­rung des Bahn­hofs­vier­tels drei Jah­re später abge­ris­sen wur­de, war der Bedarf an nied­rig­schwel- ligen und günstigen Räumen und den dar­aus ent­ste­hen­den vielfältigen Impul­sen aner­kannt. Mit kom­mu­na­ler Zustim­mung konn­te sie Strukturfördermittel des Lan­des Nie­der­sa­chen ein­wer­ben und 2015 das kreativ:LABOR im Ostflügel der Kulturetage – erst­mal für drei Jah­re – eröffnen und aufbauen.

Ganz am Anfang hielt ich es gar nicht für möglich, eine lang­fris­ti­ge, insti­tu­tio­nel­le Unterstützung zu erhal­ten.“ Inves­ti­tio­nen oder Pro­jekt­fi­nan­zie­run­gen sei das eine, aber es sei viel schwie­ri­ger nach­hal­ti­ge, lang­fris­ti­ge Räume zu schaf­fen: „Ich stau­ne heu­te noch über die Ener­gie und den lan­gen Atem, manch­mal auch über die freund­li­che Pene­tranz, von uns und unse­ren Wegbegleiter*innen.“

Sus­an lebt im kreativ:LABOR nach ihrem Mot­to: nicht meckern, machen! „Es ist ein Geschenk, dass das kreativ:LABOR so gut ange­nom­men wird und sich unter­schied­li­che Grup­pen hier auf unter­schied­lichs­te Wei­se für den sozia­len, ökologischen und gesell­schaft­li­chen Wan­del ein­set­zen. Ich genie­ße die­se Arbeit, den Kon­takt und die Inspi­ra­ti­on durch die vie­len akti­ven Nutzer*innen.“

Es gibt noch eini­ge Ideen rund um das kreativ:LABOR, die umge­setzt wer­den sol­len. Aber: „In mei­nem Alter den­ke ich ab und zu auch schon mal an eine Zeit nach der Lohn­ar­beit“, sagt sie auf dem Weg in das Trep­pen­haus, wo wir ihr Por­trait auf­neh­men. „Ich mag die­ses Trep­pen­haus – es ver­bin­det Men­schen, Räume, Ebe­nen und es bleibt die Ver­bin­dung und der Weg hoch und run­ter, auch wenn sich das Innen­le­ben der Räume, die Men­schen, die The­men verändern.“

Ihr ist der Stolz anzu­mer­ken, auf all das, was in den letz­ten zehn Jah­ren hier ent­stan­den ist und gelebt wird. Natürlich wünscht sie sich auch, dass das ge- sehen und wertgeschätzt wird. Die Sicht­bar­keit von Frau­en in der Kul­tur­ar­beit ist ähnlich wie die Sicht­bar­keit von Möglichmacherinnen. „Die­je­ni­gen, die sich ger­ne und viel in der Öffentlichkeit präsentieren wer­den natürlich auch mehr wahr­ge­nom­men“. Überwiegend männliche Machen­de stel­len sich häufiger, genüsslicher und unge­nier­ter ins Ram­pen­licht mit eige­nen Aktivitäten – oder denen ande­rer. Das Pro­blem sei nicht allein die Lautstärke des ein­zel­nen, son­dern auch die Struk­tur dahinter.

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